Kurzkritik: Call Me By Your Name (Film, 2017)

Der Liebesfilm von Regisseur Luca Guadagnino und Drehbuchautor James Ivory basiert auf dem gleichnamigen Buch (bzw. „Ruf mich bei deinem Namen“ auf Deutsch) aus 2007 von André Aciman. Der vielfach nominierte und prämierte Film handelt von zwei jungen Männern, die sich im Sommer 1983 kennenlernen, ineinander verlieben und für kurze Zeit eine intensive Beziehung führen.

Elio (Timothée Chalamet) ist 17 Jahre alt, lebt in Norditalien mit seinen Eltern zusammen und verbringt regelmäßig den Sommer in einer Villa auf dem Land. Die Familie ist sehr gebildet und kulturell begeistert. Die meiste Zeit verbringt Elio alleine um Musik zu spielen, Bücher zu lesen oder zu schwimmen. Hin und wieder geht er mit gleichaltrigen aus und lernt dabei die junge Französin Marzia kennen mit der er eine kleine Liaison eingeht. Sein Vater ist Professor für Archäologie und gibt jungen Studenten jeweils für sechs Wochen die Möglichkeit bei ihnen zu wohnen, mit ihm gemeinsam zu forschen oder ihrer Arbeit in Ruhe nachzugehen. Dieses Mal kommt der 24-jährige Amerikaner Oliver (Armie Hammer) zu Besuch, den Elio zunächst arrogant und ungewöhnlich findet. Nachdem sich die beiden zunächst aus dem Weg gehen, kommen die Männer immer mehr in Kontakt und es entsteht eine Anziehung, die zunächst unerfüllt bleibt. Letztlich geben sie ihren Gefühlen nach, doch ihre Zeit ist äußerst begrenzt.

Auf dem Papier ist die Handlung etwas gewöhnlich und wenig wendungsreich, was sich auch in der Länge von 2 Stunden und 13 Minuten und dem recht gemächlichen Tempo vermeintlich wiederspiegelt. Doch die Entschleunigung gepaart mit der Natürlichkeit der Figuren, des Schauspiels und den wunderbaren Naturaufnahmen geben dem Film eine angenehme Faszination. Wenn man sich darauf einlassen kann, wird man förmlich in die Geschichte hineingezogen, trotz oder wegen der Einfachheit. Wie erwähnt, gibt es keine Überdramatisierung oder Überinszenierung, was sich etwa in den Sex-Szenen wiederspiegelt, die zwar stattfinden, aber im entscheidenden Moment nicht zu sehen sind. Stattdessen sehen wir zwar die körperliche Anziehung der Figuren, eine gewisse Art von Nacktheit und leidenschaftliche Küsse, doch der Fokus liegt mehr auf der Sinnlichkeit der Liebe im Allgemeinen. Besonders ist zudem die Darstellung der Radikalität von Liebe, die durch körperlichen Schmerz von Elio ausgedrückt wird, wenn er nicht bei seinem Angebeteten sein kann oder er die ablaufende Zeit realisiert. So bekommt er zum Beispiel Nasenbluten oder eine ausgeprägte Übelkeit.

Am besten tut sich der Film, was wohl auf dem sehr guten Ausgangsbuch beruht, in dem Umgang mit dieser Liebe. Während in anderen Filmen des Genres die Homosexualität als Problem dargestellt wird, mitsamt Hindernissen innerhalb und außerhalb der Figuren, schafft es die Geschichte ein Verständnis und eine Wahrhaftigkeit sondergleichen zu zelebrieren. Sind sich die Figuren unsicher? Ja, aber nur aufgrund der Verletzlichkeit ihrer selbst, nicht wegen ihrer Sexualität. Dies wird ebenso von den Nebenfiguren, insbesondere durch die Eltern, wunderschön transportiert.

Inszenatorisch ist der Film geprägt von lange stehenden Bildern, allen voran die Aufnahmen der Natur und den kleinen Städtchen Norditaliens. Zudem wirken die Bilder recht grobkörnig, was die Ära der Handlung gut mit aufnimmt. Desweiteren fügt sich die Musik perfekt ein. Wir hören klassische Elemente durch Elio direkt, sowie Radio-Pop der 80er Jahre auf Partys oder im Radio und moderne, melancholische Indie-Musik im Hintergrund.

Fazit: Wenn man den Film mit einem Adjektiv beschreiben müsste, dann mit „gefühlvoll“. Die Natürlichkeit des Seins und der Liebe wird perfekt filmisch eingefangen. Unterstützt wird dies von einer schönen Musik, malerischen Schauplätzen und einem unfassbar guten Schauspiel aller beteiligten. Die Hauptdarsteller sind eine Klasse für sich, besitzen eine tolle Chemie, werden aber auch perfekt vom Nebencast unterstützt. Dank der nachvollziehbaren, reinen Geschichte mit schön differenzierten Figuren entfaltet der Film eine ungeahnte Wucht, die noch nach dem ersten Schauen nachhallt. Insbesondere das Ende mit einem wahnsinnigen Monolog und einem herzzerreißendem Abspann erzeugen diese Wirkung. Absolute Sehempfehlung für jeden fühlenden Menschen.

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